Fehlende Zellprogrammierung führt zu Hodentumoren

22.11.2019

In der dritten Schwangerschaftswoche wird am hinteren Ende des Embryos ein Teil der Zellen für eine Spezialaufgabe differenziert: Sie werden zu „primordialen Keimzellen“ (PGCs) und wandern in der Folgezeit in die Gonadenanlagen ein. Aus ihnen gehen später Spermien und Eizellen hervor. Ursprünglich dachte man, dass auch diese Entscheidung mit der Bildung der PGCs besiegelt ist. Ein Forscherteam aus Bonn konnte nun zeigen, dass die PGCs nicht zwangsläufig auf eine Karriere als Fortpflanzungszell-Produzenten festgelegt sind. Stattdessen erfolgt die endgültige Determinierung augenschein-lich erst, nachdem sie die Gonaden – aus denen sich Hoden oder Eierstock entwickeln – erreicht haben.

Die Wissenschaftler haben gezeigt, dass ein Protein namens Dazl, welches in den PGCs nach Erreichen der Gonaden-anlagen produziert wird, für diese Festlegung verantwortlich ist. In Mäusen, die kein Dazl bilden können, unterblieb die Determinierung. Es reichte aber, PGCs kurzzeitig dem Protein auszusetzen, um sie zu programmieren. Dazl sorgt demnach dafür, dass in den PGCs die sog. „Pluripotenz-Gene“ abgeschaltet werden.

Allerdings entgehen immer wieder einige primordiale Keimzellen dieser Programmierung. Sie reifen nicht endgültig aus, sondern verbleiben in einem pluripotenten Stadium. In der Pubertät können sich aus ihnen – vermutlich unter dem Einfluss der Geschlechtshormone – Keimzelltumoren des Hodens oder (seltener) des Eierstocks entwickeln. Manche dieser bösartigen Wucherungen enthalten völlig unterschied-liche Gewebetypen – ein Resultat ihrer Pluripotenz und Hinweis darauf, dass die Ursprungszelle noch nicht zur Keimzelle programmiert war. Andere Tumoren erscheinen wie die PGCs selbst weitgehend undifferenziert.

Keimzelltumoren gehören zu den häufigsten Krebsarten bei Männern zwischen 15 und 35 Jahren. Die Ergebnisse wiesen nun darauf hin, dass man diese wohl eher als Embryonalzell-Tumoren bezeichnen müsste, so die Forscher Auf die Behandlung der Erkrankung habe das zunächst einmal keinen Einfluss. Die Studie zeige aber, dass die Weichenstellung zur Erkrankung bereits in der frühen Embryonalentwicklung erfolgen. Mittelfristig könnten aus diesen Erkenntnissen neue Therapieansätze erwachsen.

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https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31754036